Health Literacy

„Health literacy is about people having enough knowledge, understanding, skills and confidence to use health information, to be active partners in their care, and to navigate health and social care systems. Health Literacy is being increasingly recognised as a significant public health concern around the world.“

http://healthliteracyplace.org.uk/

Im Jahr 2016 stellte die Universität Bielefeld erstmals die Ergebnisse einer repräsentativen Studie vor, die sie im Auftrag des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz durchgeführt hatte. Gegenstand der repräsentativen Untersuchung war die Gesundheitskompetenz (Health Literacy) der deutschen Bevölkerung. Die Ergebnisse sind durchaus beunruhigend: Der Studie zufolge verfügen 54,3 Prozent der Deutschen über eine problematische oder inadäquate Gesundheitskompetenz. Dieser Gruppe fällt es schwer, mit Gesundheitsinformationen umzugehen und sie im Alltag nutzen. Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz haben Schwierigkeiten,  unterschiedliche Behandlungsoptionen zu beurteilen, Packungsbeilagen für Arzneimittel zu verstehen oder zu entscheiden, wann eine ärztliche Zweitmeinung sinnvoll ist.

Auch die Einschätzung von Gesundheitsinformation in den Medien fällt Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz oft schwer. Sie wissen zudem häufig nicht, wie sie das Gesundheitssystem richtig nutzen und welche Einrichtung für welche Situation zuständig und angemessen ist. Menschen mit Migrationshintergrund, niedriger Bildung, im höheren Lebensalter und mit chronischer Krankheit sind zwar besonders häufig von einer geringen Gesundheitskompetenz betroffen. Eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz betrifft jedoch in der Gesamtschau keine Minderheit, sondern mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung.

 

Patienten mit geringer Gesundheitskompetenz zeigen ein bestimmtes Nutzungsverhalten im Gesundheitssystem: Sie nehmen Notfallversorgung häufiger in Anspruch, machen häufiger Fehler bei der Medikamenteneinnahme und nehmen präventive Angebote seltener in Anspruch. Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz weisen höhere Morbiditätsraten und vorzeitige
Sterbefälle auf. Gesundheitskompetenz ist also kein "Wohlfühlthema". Stattdessen geht es in letzter Konsequenz um Patientensicherheit, Behandlungsqualität und Wirtschaftlichkeit der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung: Die WHO schätzt die Kosten geringer Gesundheitskompetenz auf drei bis fünf Prozent der Gesamtausgaben des Gesundheitswesens.

 

Gesundheitskompetenz entsteht keineswegs nur durch individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern wird auch durch situative und institutionelle Einflussfaktoren bestimmt. Deshalb setzen Interventionen meist nicht bei den Individuen, sondern bei relevanten Organisationen an. Um die Situation für Patienten mit geringer Gesundheitskompetenz zu verbessern, bedarf es eines nutzerfreundlichen Versorgungssystems, das die Anforderungen zurückschraubt und am tatsächlichen Informationsstand und den individuellen Lernvoraussetzungen ansetzt. Das beinhaltet Maßnahmen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. So hat sich in den USA der Begriff der „health literate organization“, der „gesundheitskompetenten Organisation“ etabliert (vgl. Healthcare Usability).

 

Kickbusch, I.; Pelikan, J.M.; Apfel, F.; Tsouros, A.D. (2016): Gesundheitskompetenz. Die Fakten. Kopenhagen: World Health Organization.

 

Schaeffer, D.; Vogt, D.; Quenzel, G.; Berens, E.M.; Messer, M.; Hurrelmann, K. (2017): Health Literacy in Deutschland. In: Schaeffer, D.; Pelikan, J.M. (Hrsg.): Health Literacy: Forschungsstand und Perspektiven. Bern: Hogrefe.

Was bedeutet Health Literacy?

Schultafel Gesundheitskompetenz
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Health Literacy wird im Deutschen mit „Gesundheitskompetenz“ übersetzt. Sie bringt die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben mit Gesundheit in Verbindung. Häufig schließt der Begriff der
Literalität auch Sprechen, Zuhören sowie den Umgang mit Zahlen und Zahlensystemen ein. Der Begriff Health
Literacy geht noch weiter und ergänzt die Definition um weitere Faktoren wie das Auffinden und Bewerten von Informationen oder die Umsetzung von Wissen in Gesundheitsverhalten und gesundheitsrelevante Entscheidungen. Dabei geht es auch um Problemlösungs- und Interaktionskompetenzen sowie den Umgang mit Informationstechnologien.

 

"Gesundheitskompetenz umfasst das Wissen sowie die Motivation und die Fähigkeit von Menschen, Gesundheitsinformationen zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag in gesundheitsrelevanten Bereichen Entscheidungen treffen zu können."

 

Sørensen, K. et al. (2015): Health literacy in Europe: comparative results of the European health literacy survey (HLS-EU). European Journal of Public Health 25, Nr. 6, 1053-1058.


„Gesundheitskompetenz ist als Prädiktor für den Gesundheitszustand einer Person aussagekräftiger als Einkommen, Beschäftigungsstatus, Bildungsniveau oder Ethnie.“


Dr. Barry D. Weiss, American Medical Association